@Schattenseele: Es gibt Gebiete, die scheinbar gefährdeter sind als andere. Bei uns zumindest wurde das eine Zeit lang auch die Stuttgarter Hundeseuche genannt wenn ich mich recht erinnere (da war ich noch recht jung), weil das so oft vorkam.
Nur ist die Frage, was oft ist. Laut TA ist Lepto meldepflichtig, aber wie viele Fälle es nun gab kann/will/darf einem irgendwie keiner sagen. Auch wenn man die Leute so reden hört kommt eher sowas wie "mein Hund hatte Durchfall und Erbrechen, weil er aus einer Pfütze gesoffen hat, der hatte sicher Lepto". Wie viel Wahrheit da dann hinter steckt sei mal dahin gestellt, denn Erbrechen und Durchfall sind wohl mit die häufigsten Symptome für so ziemlich alles. Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass es derart viele Fälle bei uns gibt. Als sich drei Hunde am Spritzmittel vergifteten stand es in allen Zeitungen, aber von Lepto war noch nie was zu lesen. Je nachdem, welchen TA man fragt, kommt das in meiner Umgebung wohl auch kaum vor...
Hier habe ich mal was interessantes dazu gefunden:
http://edoc.ub.uni-muenchen.de/10441/1/Geisen_Vera.pdf
In der Einleitung findet man auch die Erklärung, warum die Impfung so wenig abdeckt bzw. dass sie das tut.
Gleich darunter der Abschnitt:
Ziel dieser kumulativen Arbeit, die zwei Publikationen umfasst, war eine retrospektive Auswertung der Krankenakten von 337 Hunden mit klinischem
Verdacht einer Leptospirose, die in der Zeit von Januar 1990 bis Dezember 2004
in der Medizinischen Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in
München vorgestellt wurden und deren Seren auf Antikörper gegen acht
Leptospiren-Serovare untersucht wurden. Dabei wurden die ätiologischen
Serovare der 42 Hunde mit der Diagnose „Leptospirose“ bezüglich Anamnese,
klinischer Symptome, Laborveränderungen und Überlebenszeit verglichen.
Das heißt schon mal, dass es in 14 Jahren in dem Raum 337 Fälle mit Verdacht gab, die es in die TK geschafft haben, davon stellten sich aber wohl nur 42 als wirkliche Lepto heraus.
Was ich ebenfalls interessant finde, auch weil Elsa und Lotte vorher von der Übertragung auf den Menschen sprach:
Studien ergaben, dass etwa 8 % der klinisch gesunden Hunde Leptospiren
über den Urin ausscheiden
Die Erreger, die den Hund infizieren können und auf die geimpft wird, sind nicht die, die den Menschen befallen. Jene, die den Menschen befallen, nutzen die Ratte als Hauptwirt und den Hund als Nebenwirt. Nebenwirte können, müssen aber keine Symptome aufweisen, Hauptwirte tun es nur selten. Nebenwirte scheiden auch nur wenige Tage, in Ausnahmefällen wenige Wochen, die Erreger aus.
Wenn es interessiert: Die Weilsche Krankheit wird durch L. copenhageni ausgelöst, die Hundelepto durch L. canicola.
Auch mal interessant zur Lebensdauer der Erreger außerhalb des Wirtes:
Die Tenazität der Leptospiren ist insgesamt sehr gering. Bei feuchter Umgebung, leicht alkalischem pH-Wert und Temperaturen über 18 °C sind sie in der Lage, im
Boden bis zu sechs Wochen und im Wasser über drei Monate zu überleben
Darum sind auch hauptsächlich Pfützen ein Problem, was die Ansteckung angeht, dort überlebt der Erreger nämlich wesentlich länger, sofern es zwischendurch nicht zu warm oder kalt wird.
Und weiter:
Leptospiren sind gegen Austrocknung und pH-Werte unter 6,8 oder über 8,0 sehr empfindlich. Aus diesem Grund geht vom sauren Urin der Carnivoren ein
geringeres Infektionsrisiko aus als von dem leicht alkalischen Urin der
Herbivoren. Da jedoch, je nach Wassergehaltes des Erdreiches, der Urin oft rasch
verdünnt wird und sich so die Bedingungen für die Leptospiren verbessern,
können die Leptospiren auch über den sauren Harn der Fleischfresser verbreitet
werden (FAINE et al., 1999; PLANC & DEAN, 2000). Twigg und Mitarbeiter
(1969) stellten eine positive Korrelation zwischen dem Wassergehalt des Bodens
und der Befallsrate von Mäusen mit Leptospirosen fest (TWIGG et al., 1969).
Bei Körpertemperaturen von 41 – 42 °C gehen die Leptospiren zugrunde. Bei
Temperaturen über 56 °C werden Leptospiren innerhalb von zehn bis 35 Minuten,
bei Einwirkung von Sonnenlicht innerhalb von ein bis zwei Stunden getötet.
Gegen Kälte sind sie jedoch recht unempfindlich. Gängige Desinfektionsmittel
führen zur raschen Abtötung (ROLLE, 2006).
Die Tierchen haben also eigentlich wirklich nur im Wasser eine Chance, auf einen neuen Wirt zu warten.
Übrigens vermehren die sich auch nicht wie wild:
Das Wachstum ist meist sehr langsam, und die Kultivierung dauert teilweise bis
zu 13 Wochen
Und zum Thema Übertragung von Hund zu Hund:
Leptospiren können direkt oder indirekt übertragen werden. Die direkte Übertragung findet über den Deckackt, transplazentar, über Bisswunden oder über
Ingestion von infiziertem Gewebe statt. Eine indirekte Übertragung des Erregers ist durch mit Urin kontaminiertem Wasser, Erde, Nahrung und Einstreu möglich. Leptospiren wurden auch in Flöhen
und Zecken nachgewiesen (MICHNA, 1970) und können durch diese sowohl
horizontal als auch vertikal übertragen werden
Auch noch sehr interessant zu wissen, wie sich das Tier eigentlich ansteckt:
Infektionen bei Mensch und Tier erfolgen meist über den Kontakt von Hautwunden oder Schleimhäuten
mit erregerhaltigen Sektreten oder Flüssigkeiten (DURA, 1993; FARR, 1995;
FAINE et al., 1999; LEVETT, 2001). Schleimhäute von Nase, Maul und
Konjunktiven sowie Mikroläsionen, besonders im Zwischenzehenbereich, gelten II. Literaturübersicht 10
als Haupteintrittspforten. Der Magen-Darmtrakt spielt eine untergeordnete Rolle,
da die Erreger durch die Säure im Magen abgetötet werden
Man beachte auch das Vorkommen in den Ländern, das sind nämlich alles sehr warme Gebiete (Deutschland wird in einer Tabelle gar nicht erst aufgeführt):
Obwohl die Erkrankung aufgrund der unspezifischen Symptome unterdiagnostiziert wird, wurden
beispielsweise 1999 in China 500 000 und in Brasilien 28 000 Leptospirosefälle
gemeldet (VINETZ, 2001). Die Länder Brasilien, Barbados und Neukaledonien II. Literaturübersicht 12
gehören mit mehr als 100 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner im Jahr zu
den Ländern mit der höchsten Inzidenz
Das betrifft aber das gesamte Auftreten, nicht nur Hunde, und das in einer völlig anderen Klimazone.
In Deutschland ist das Aufkommen vergleichsweise gering und abgesehen von einem kurzen Anstieg (bedingt durch eine erhöhte Rattenpopulation, vermehrte Auslandsreisen und mehr Aufenthalte in der Natur, aber auch Wassersport usw.) in den letzten rund 50 Jahren stetig gesunken (beim Mensch).
Eine genaue Zahl habe ich leider nicht gefunden, dafür das:
Leptospira canicola (= “Stuttgarter Hundeseuche”) ist seit Jahren nicht mehr aufgetreten und die wenigen bekannten Leptospirose Fälle der letzten Jahre sind laut dem bekannten veterinärmedizinischen Labor Laboklin ausnahmslos nicht von L. canicola verursacht, sondern z.B. von L. interrogans, L. bratislava, L. pomona, grippotyphosa usw.
Quelle
Gegen den ersten Erreger hilft die Impfung, gegen die unten genannten nicht. Die unten genannten werden aber auch auf anderen - auch tiermedizinischen Seiten - als immer häufiger auftretend genannt.
Und die einzige wirkliche Zahl, die ich finden konnte, ist diese:
Diewachsende Bedeutung der Leptospirose bei
Hunden in Deutschland wurde ebenfalls
durch eine seroepidemiologische Studie belegt, die zwischen 1999 und 2002 durchgeführt wurde. Von 3 671 Serumproben zeigten
29,8 % hohe Antikörpertiter gegen Leptospiren
Quelle
Wobei Antikörper eben nicht mit Infektion und Ausbruch gleichzusetzen sind, sondern lediglich mit der Aufnahme des Erregers.
Alles in allem finde ich das immer noch unbefriedigend, was die Impfung angeht. Der noch aktuelle Impfstoff deckt das ab, was vor 30 Jahren mal der häufigste Erreger war, doch inzwischen sind es meist ganz andere. Es bleibt auch die Frage, ob der Hund nur Wirt ist oder auch tatsächlich befallen ist. Und dann kommt auch noch dazu, dass die Impfung nur sechs Monate anhält. Abgesehen davon scheinen es tatsächlich nicht derart viele Fälle bei uns zu sein, auch wenn es wie gesagt leider keine genauen Zahlen zum Hund gibt bzw. ich keine gefunden habe. Beim Mensch sind es ein Deutschland übrigens etwa 40 Infektionen pro Jahr, die aber leider nicht genauer spezifiziert wurden (welcher Erreger, tatsächlicher Ausbruch usw.).