[FONT=Monotype Corsiva, serif]ZuHause angelangt stellte sich mir die Frage, wo ich Emilio am bestenunterbringen kann, so dass er bequem liegt und ich ihn ständig inmeiner Nähe haben kann, ohne andere Familienmitglieder zu stören.Das Wohnzimmer bot sich geradezu an. Zentral gelegen und Mittelpunktdes Geschehens, so dass der soziale Kontakt zu Zwei- und Vierbeinernjederzeit gewährleistet war. Eine vollständige Isolation wäre füreine erfolgreiche Genesung Emilios nicht hilfreich gewesen, da Emilioimmer fester Bezugspunkt seines Rudels war.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, serif]UnsereCouchgarnitur sollte die passende Lösung sein. Man konnte sieproblemlos so zusammenstellen, dass eine große Liegeflächeentstand. Die Lehnen sorgten dafür, dass sich Emilio nur innerhalbeines begrenzten Raumes aufhielt und er bei Bewegungen nichtrunterfallen konnte. Eine Seite war für Emilio gedacht und dieandere für mich. Zum Schutz hatte ich Emilios Liegeseite mit einerwaschbaren Inkontinenzauflage bedeckt. Darauf legte ichFrotteehandtücher, die mit einer Lage Einmalauflagen versehenwurden. Jetzt konnten wir gut vorbereitet in unsere erste Nachtstarten. Emilio lag in seinem Transportkorb und war von denVorbereitungen völlig unbeeindruckt. Die Erleichterung, sich endlichwieder in einer gewohnten Umgebung mit geliebten Lebewesen zubefinden, war ihm deutlich anzumerken. Ganz vorsichtig hob ich meinenKater aus dem Korb und legte ihn auf seinen Platz. Vorab hatte ichdas Wohnzimmer abgedunkelt. Er orientierte sich kurz, schnuffeltenoch einmal und fiel dann in einen tiefen, hoffentlich erholsamenSchlaf. Nur das gelegentliche Zucken seines Oberkörpers ließerkennen, dass er unterbewusst kämpfte. In der Nacht wachte erhäufiger auf und erkundigte sich mit leisem Wimmern und Maunzen, obsein Zweibeiner noch in der Nähe ist. Sobald ich meine Hand aufseinen Körper legte, schien er sich sofort zu beruhigen und schliefwieder ein. Nach der unruhigen Nacht, in der ich immer wiederzwischendurch schaute, ob[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, serif]meinKater noch atmet, hieß ich den nächsten Morgen willkommen. Eineüberstandene Nacht bedeutete ja auch einen weiteren Schritt insLeben zurück! Emilio war aufgewacht, die zahlreichen Prellungensorgten jedoch dafür, dass er nur mühsam den Kopf heben konnte. Erschaute mir in die Augen und schien zu fragen: „Wie soll das jetztmit mir weiter gehen?“ [/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, serif]MeinWahlspruch gerade in extremen Situationen lautet: „Geduld, Ruhe undZuversicht ist das Fundament, auf dem die Welt erbaut wurde.“Alternativen gab es nicht, und Aufgeben kam überhaupt nicht inFrage![/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, serif]ÜberNacht hatte Emilio Urin abgesetzt. Leider nicht in der Menge, diehätte sein müssen. Seine Blase konnte er offensichtlich nichtsteuern, das war ein Punkt, den ich bei Dr. Schullenberg ansprechenmusste. Einen Termin hatten wir ja bereits am Freitag vereinbart.Emilio machte darauf aufmerksam, dass er sich in seiner derzeitigenLage unwohl fühlte. Also entfernte ich die Einmalauflagen, legteneue Handtücher auf und machte mir Gedanken, ob er sein Futterannehmen würde. Einen Versuch war es wert, da er ja seit Donnerstagnichts mehr zu sich genommen hatte. Ich pürierte seinLieblingsfutter und versetzte es mit 2 Esslöffeln Wasser, da Emilioauch nicht trank. Das angebotene Wasser aus dem Napf konnte er nichtaufnehmen, das war wohl zu schmerzhaft. Den flachenTeller mit dem Futter-/Wassergemisch stellte ich vor Emilio hin. Erhob den Kopf und drehte seinen Oberkörper in Richtung des herrlichenDuftes. Nach kurzem Schnuffeln war der Hunger größer als derSchmerz, und man hörte nur ein zufriedenes Schmatzen und Schlürfen.Er verschlang das Futter in kürzester Zeit, verständlich, wenn manbedenkt, dass er seit seinem Unfall nicht mehr gegessen hatte.Nachdem auch der letzte Krümel vom Teller verschwunden war, legteEmilio sich erschöpft zurück und schlief schnell tief und fest. [/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, serif]Für12:00 Uhr war ein Behandlungstermin mit Dr. Schullenberg in derPraxis vereinbart. Nach der ausgiebigen Begrüßung untersuchte„Schulli“ Emilio ganz vorsichtig. Sie zog ihm zwei derzersplitterten Zähne, weil sie drohten, die Mundschleimhaut zuverletzen. Nach der Gabe von Schmerzmitteln vereinbarten wir einenweiteren Termin für den Abend. Emilio verschlief den restlichenTag, und wüsste ich nicht, dass Katzen ohnehin auf leisen Pfotenschleichen, hätte ich vermutet, dass der Rest des Rudels über dasLaminat geschwebt ist. Ich habe keine andere Katze gehört, obwohldie sich sonst schon mal raufen und eigentlich nicht besonders leisegehen. Die Redensart: „Der Körper gesundet im Schlaf.“ war aufEmilio uneingeschränkt anwendbar. Als seine Tierärztin „Schulli“ihn am Abend liebevoll ansprach, war er schon deutlichaufnahmefähiger. Sie untersuchte ihn erneut sehr, sehr behutsam undsprach ganz leise aufmunternd mit ihm. Sorge bereitete ihr die prallgefüllte Blase. Emilio konnte seinem Harndrang nicht nachgebenbeziehungsweise ihn nicht steuern, die Blase hatte als solche ihreFunktion eingestellt und fungierte lediglich als Überlauf. Urinwurde in der Blase gesammelt, konnte aber auf natürliche Art undWeise nicht abgeführt werden, sondern lief über, sobald die Blasezu voll war. Dr. Schullenberg nahm Emilio vorsichtig auf und ging mitihm zum Spülbecken in der Küche. Sie drückte mit schnellen,routinierten Griffen die Blase manuell aus und zeigte mir nebenbei,mit entsprechenden Erklärungen, wie das geht. Der Anblick des Urinsversetzte mir einen Schock. Blut, ganz viel Blut im Urin! Der warnicht mehr gelb oder durchsichtig, sondern vom Farbton her tiefrot.Dr. Schulli beruhigte mich und klärte mich auf.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, serif]Nacheinem Verkehrsunfall, so wie ihn Emilio erlitten hatte, ist es völlignormal, dass sich Blut im Urin sammelt,verletzte Muskeln, Fasernsorgen für eine Rotfärbung des Urins. Laut Röntgenbild war dieBlase intakt, von daher brauchten wir uns zunächst nicht zu sorgen.Eine intakte Blase, mit dem entsprechenden Gefühl dafür, wärejetzt schon toll gewesen. Da das nun mal in der derzeitigen SituationWunschdenken war, leitete Dr. Schullenberg mich noch praktisch an,was das manuelle Entleeren der Blase anbelangt. Sie hat das auchmehrfach versucht, nur war ich nicht in der Lage, das rnünftigumzusetzen. Jedes Mal, wenn ich versuchte, Emilios Blaseauszudrücken, maunzte er. War es Schmerz oder mein unbeholfenerHandgriff? Ich konnte es nicht beurteilen. Was ich konnte, war,meine Unfähigkeit einzugestehen. Dr. Schullenberg sollte am nächstenTag auch dafür eine Lösung zur Hand haben. Am Sonntag legte sieEmilio nach einer örtlichen Betäubung einen Katheter, vernähte ihnund verschloss ihn mit einem Drehstopfen. Problem erkannt, Problemgebannt. So ist sie halt eben, immer kompetent pragmatisch. Sie nahmmeine Hand und zeigte mir, unter Führung ihrer Hand, wie sich eineprall gefüllte Blase anfühlt (wenn ich das beschreiben müsste,würde ich sagen, wie ein Tennisball, der sich in den hinterenBauchraum verirrt hat). Der Stopfen wurde aufgedreht, die Blase vonunten gestützt, von oben gedrückt, und schon lief es, immer nochverfärbt, nur heller. Das würde ich wohl jetzt häufiger machen.Emilio lag da und ließ den ganzen Vorgang in der ihm eigenenGelassenheit über sich ergehen. Das Abhorchen der Lunge offenbartekeinen guten Befund. Sie hörte sich feucht an. Das heißt: neben dennormalen Atemgeräuschen hört man ein Knistern oder Rasseln, welchesdurch abgelöste Sekrete oder Ödemflüssigkeit ausgelöst wird. DieLunge wird dann nur unzureichend belüftet, und es droht eineLungenentzündung.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, serif][FONT=Monotype Corsiva, cursive]Umeine schwerwiegendere Erkrankung zu vermeiden, war es jetzt nötig,meinen Kater regelmäßig umzulagern, damit beide Lungenflügelseitengleich belüftet werden. Dr. Schullenberg verabreichte Emilioein Antibiotikum, Cortison und ein Schmerzmittel. So war er für dieNacht gut gerüstet. Gedanken mussten wir uns noch über seinemangelnde Verdauung machen. Emilio war seit seinem Unfall nicht inder Lage, eigenständig Kot abzusetzen. Durch das Abtasten warersichtlich, dass der Darm gut gefüllt war. Auch das Problem sollteDr. Schullenberg am nächsten Tag lösen. Ich bin so erleichtert,dass wir das Wochenende gut hinter uns gebracht haben. Im Hinterkopfnagte immer der Gedanke, dass das schwere Schädel-Hirn-Traumalebensbedrohlich ist. Das Wochenende quasi als unser„Lebenszeit-Fenster“ anzusehen war. Emilio hatte sich über Nachtden Katheter gezogen und schaute mich mit einem sehrselbstzufriedenen Gesichtsausdruck an. Er schien, durch seinzerstörtes Gebiss lächelnd, zu fragen: „Na, habe ich das nichtgut gemacht?“ Trotz des beständigen Austauschens der Auflagenroch es extrem nach Katzenurin. Emilio sah vollkommen zerwuselt ausund fühlte sich offensichtlich nicht wohl. Ein Dilemma! Auf dereinen Seite traute ich mich nicht, meinen Kater durch eineKörperreinigung zu stressen, auf der anderen Seite zeigte erdeutlich sein Unbehagen. Der Mittelweg erschien mir als vernünftigeLösung. Mit einem feuchten, warmen Waschlappen reinigte ich diebetroffenen Stellen, so gut es ging. Ich gestaltete diesen Vorgangfür Emilio so angenehm wie möglich und beendete die Prozedur miteinem Kügelchen Leberwurst für ihn als Belohnung.[/FONT][/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Daich in dieser Woche ohnehin noch einen Termin mit Dr. Kinzelvereinbart hatte, sollte sich auch für diese Situation eine Lösungfinden lassen. ---------- Der Einsatz von Windeln war mir zu diesemZeitpunkt nicht geläufig, und richtig logisch denken war nichtmöglich.------- Zu diesem Thema kehre ich später zurück. [/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Montagabendbesuchte Dr. „Schulli“ uns nach ihrer regulären Sprechstunde.Sie hatte für Emilio einen Einlauf mitgebracht und führte dieFlüssigkeit mit einem dünnen Schlauch, nach einer oberflächlichenBetäugung, in den Darm ein. Emilio war wenig begeistert und brachtedas auch zum Ausdruck. Dr. Schullenberg ließ sich jedoch nichtbeeindrucken und sprach beruhigend auf Emilio ein, der die weitereUntersuchung dann auch kommentarlos über sich ergehen ließ. Tapferer, kleiner Kerl!!! Eine andere Problematik war, dass er nichttrinken wollte. Er nahm zwar Flüssigkeit über die Nahrung auf,jedoch nicht im ausreichenden Maße. Dr. Schullenberg legte nocheinmal eine Infusion an und unterstützte Emilios Kreislauf mit derzusätzlichen Kochsalzlösung.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Emiliowar schon immer ein ganz besonderer Kater. Wir haben uns ganz bewusstfür ihn entschieden, weil er eine Behinderung hatte. Durcheinen Behandlungsfehler im Welpenalter ist ein Auge erblindet, derGlaskörper ist ausgelaufen und das Auge äußerlich stark vernarbt.Es sieht nicht schön aus, das hat uns aber nie gestört.Außenstehenden fällt die Behinderung auf Fotos und Videos nichtauf, weil Emilio eine unglaubliche Ausstrahlung hat. Dieser Kater hatuns bei der ersten Begegnung mit seinem Charme um den Fingergewickelt, ich hätte keinen anderen Kater haben wollen. Er war undist etwas Besonderes und hat möglicherweise gerade wegen dieserBehinderung ein anderes Verhältnis zu Menschen entwickelt und seinePersönlichkeit durch seine unglaubliche Akzeptanz und Gelassenheitbereichert, was für die folgende Physiotherapie äußerst hilfreichwar.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Dr.Schullenberg gehört zu den besonderen Menschen und Ärzten, dietrotz einer lebensgefährlichen Erkrankung des Patienten ihrenOptimismus nie verlieren. Die mit einem Lächeln auf den Lippen undeinem Witz zur richtigen Zeit moralische Unterstützung gewähren, woandere Ärzte schon lange aufgegeben oder eher menschlich Distanzgehalten hätten. Ohne sie hätten wir diese schwierige Zeit, mit demletzlich guten Ergebnis, sicher nicht so gut überstanden! Daher hatsie bei uns einfach diesen unwiderstehlichen Spitznamen weg. Sie istund bleibt unsere Dr. Schulli.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Dienstag[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Miteinem Gefühl in der Magengrube, das sich am ehesten mit einem schwerverdaulichen Objekt beschreiben lässt, machten wir uns auf den Wegin die Tierklinik. Dr. Kinzel hatte einen gemeinsamen Termin mit derebenfalls dort ansässigen Tierärztin Frau Dr. Neumann, diegleichzeitig auch als Physiotherapeutin arbeitet, vereinbart. Emilioverhielt sich während der Untersuchung sehr gelassen und eherabwartend, so als wolle er sagen: „Ihr macht das schon!“. Er ließdie Schmerzreflexuntersuchung ruhig und ohne erkennbaren Widerstandüber sich ergehen, als wisse er, dass das Ergebnis dieserUntersuchung für ihn zukunftsweisend war. Mit einem Hauch vonHoffnung erklärte Dr. Kinzel, dass die Schmerzreflexe erkennbarzurückgekehrt seien. Zwar verlangsamt, es sei aber ein deutlicherFortschritt zu letzten Untersuchung erkennbar. Lediglich der linkeVorderlauf schien sich nicht den anderen Läufen anpassen zu wollen.Emilio hielt seinen linken Vorderlauf permanent nach innen geknicktund war nicht in der Lage, ihn auch nur ansatzweise selbstständigzu bewegen. Die Hinterläufe zog er während der Schmerzreflexuntersuchung ein wenig an und zeigte damit seinenFortschritt. Eine selbständige Belastung der hinteren Extremitätenwar völlig unmöglich. Dr. Neumann, die der Untersuchung beiwohnte,überprüfte die regulären Reflexe der Beine, untersuchte dieMuskulatur und verschaffte sich einen Überblick über denkörperlichen Allgemeinzustand. Eine Lähmung der Hinterläufe ansich ist ja schon tragisch, aber der Patient kann sich mit denVorderläufen noch fortbewegen. Wenn jedoch drei Beine von der Paresebetroffen sind, gestaltet sich eine Behandlung mit entsprechendenGenesungsaussichten als sehr schwierig. Entsprechend dieserUntersuchungsergebnisse unterhielten wir uns über Emilios Prognose.Dr. Kinzel sah die Genesung der Hinterläufe als sehrvielversprechend, jedoch den linken Vorderlauf recht kritisch. Dr.Neumann war anderer Meinung. Sie sah die Genesung der Hinterläufeeher kritisch, die des Vorderlaufes eher positiv.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Wasnun?[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Wievermag ich einen vernünftigen Kompromiss zu finden, für einLebewesen, das ich liebe und für das ich die Verantwortungübernommen habe. Verantwortung heißt aber auch, zum richtigenZeitpunkt loslassen zu können. Was würde Emilio wollen, hat erüberhaupt ein lebenswertes Leben mit einer Lähmung? Er warFreigänger und das Spielen mit seinem Rudel gewohnt. Würde erdarauf verzichten können? Fragen, die in geballter Form auf einenauftreffen. Entscheidungen, die aktuell und situativ gefällt werdenmussten, trotz des ganzen Wirbels in meinem Kopf. Da fiel mir derSpruch von Dr. Schullenberg wieder ein: „Katzen sind unglaublich,und die schaffen viel mehr, als es im Moment den Anschein hat,vertrauen Sie darauf!“. Zeit... - Zeit schien mir eine annehmbareLösung, eine Entscheidung konnte ich immer noch treffen. Es kostetdoch nur Zeit! Im Gegensatz dazu, was könnte ich unwiederbringlichverlieren?... Emilio... ein Leben! Als auch noch Dr. Kinzel von ihrergelähmten Katze berichtete, war ich mir sicher. -------Zeit halt----[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Wirwechselten in das Sprechzimmer von Dr. Neumann, wo sie einenindividuellen Behandlungsplan für Emilio erstellte. In schriftlicherForm lag er nun vor, und Dr. Neumann verfolgte den Lehransatz:„Learning by doing“. Sie erklärte mir die einzelnen Übungenanhand vom praktischen Beispiel an Emilio. Sie machte vor und ichunter Anleitung und Korrektur nach. Fragen wurden intensivbesprochen, kleine Schwierigkeiten durch Alternativen beseitigt. Nacheiner Stunde Praxis fühlte ich mich soweit unterrichtet, die Übungenzu Hause alleine gut anwenden zu können. Da Dr. Neumann derhygienische Zustand von Emilio selbstverständlich aufgefallen war,stellte sie mir die Luna-Seite vor. Luna, eine Zeit ihres Lebensgelähmte inkontinente Katze, hat mit der Unterstützung ihrer Dosi(so nennt man einen zweibeinigen Katzenbesitzer) jahrelang mit ihrerBehinderung gut und sehr lebensfroh gelebt. Lunas Frauchen hatte sichmit dem Thema „Inkontinenz bei Katzen“ intensiv auseinandergesetzt und eine gut umsetzbare Lösung gefunden, die sie im Internetveröffentlicht hat. Von diesen Ergebnissen konnten nun auch wirprofitieren.[/FONT][FONT=Monotype Corsiva, cursive]FrauDr. Neumann hatte uns die Anleitung für das Windeln von Katzenausgedruckt und ausdrücklich erklärt, dass ein Wundsein durchständigen Urinfluss unbedingt vermieden werden müsse, um weitereErkrankungen zu vermeiden. Mit neuen Aufgaben im Gepäck verließenwir die Praxis, kauften Windeln und Einmalauflagen ein. Ob Emilio,der stolze Kater, sich wohl Windeln anlegen lassen würde? Schriebeich jetzt, dass das völlig problemlos vonstatten ging, müsste ichlügen. Im Nachhinein stelle ich mir die Frage, wer mit wem mehrGeduld hatte. Emilio schien meine Aufregung zu spüren, meineanfängliche Ungeschicklichkeit sicher. Es dauerte schon ein wenig,bis meine Bewegungen routinierter und für Emilio auch einfacherwurden. Nach und nach optimierte sich unser System. Mit viel Übungfand sich auch die richtige Anpassung der Windel für Emilios Körper.Anfangs wickelte ich Emilio auf seinem Bett, um unnötige Bewegungenund Stress für ihn zu vermeiden. Sein Rudel ließ ihn völlig außerAcht. Beruhte diese bewußte Ignoranz nun auf der Tatsache, dassEmilio sich zwischen Tod und Leben befand und das Rudel diesenUmstand wahrgenommen hat? Ich denke schon, denn mit der Zeit ändertesich das Verhalten, dazu später mehr.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Durchdas Wickeln gestaltete sich unser Tagesablauf völlig anders.Auflagen waren nach wie vor nötig, aber das häufige Waschen derHandtücher und Decken (vier Mal am Tag) entfiel und wich demnormalen Rhythmus. Emilio, der auf seinem Krankenlager etwa 1 m² zurVerfügung hatte, wurde täglich wacher und aufmerksamer. Die Wundeam Kinn heilte gut, es zeigte sich schon Schorf. Nachts schliefEmilio immer noch sehr unruhig und suchte den Körperkontakt. Inmeiner Angst, ihn zu verletzen, hatte ich auf der Schnittstellebeider Sofas eine Barriere errichtet, die ihm zwar ermöglichte, michzu sehen und mir die Möglichkeit ließ, meine Hand an seinen Körperzu legen, ihn aber davon abhielt, sich zu mir rüber zu robben.Morgens stellte ich dann fest, dass Emilio sich in der Nacht bis zurErhöhung geschleppt und eine Pfote darauf gelegt hatte. In Bewegungwar er jetzt schon, mühsam, aber Hauptsache: in Bewegung! [/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Unsertägliches Ritual sah nun folgendermaßen aus:[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Wirstanden um 05:00 Uhr auf. Dann nahm ich meinen Kater auf den Arm,ging mit ihm in die Küche und legte ihn auf der mit einem Handtuchvorbereiteten Spülfläche ab. Sein Rücken zeigte zu mir und mit demrechten Arm umfing ich seinen Körper. Emilio legte nach einergewissen Zeit seinen Kopf in meine Armbeuge. Emilios Po wurde soplatziert, dass er ein klein wenig über den Spülbeckenrandhinausragte. Dann wusch ich mit warmem Wasser und Katzenshampoo dieGenitalien, die Pfoten und den Bauch sauber. Mit der Zeit passteEmilio sich so hervorragend an, dass er mit dem Kotabsatz bis zumWaschen wartete. Dann reichte schon das Geräusch des laufendenWassers, hin und wieder eine kurze Stimulation des Afters, um denKotabsatz auszulösen. Anschließend wurde Emilio nach dem Waschenauf ein trockenes Handtuch abgelegt und eingemummelt. Dann folgte imWohnzimmer (dort war es einfach wärmer) der vermeintlich schwierigeTeil. Das Föhnen. Ich war mir absolut nicht sicher, ob er dasungewohnte Geräusch und die warme Luft tolerieren würde. Aber wasblieb uns anderes übrig, Alternativen gab es nicht! Ihn einfachtrocknen zu lassen, wäre völlig unverantwortlich gewesen. Alsosetzte ich mich mit Emilio auf den Beinen auf den Wohnzimmerboden.Föhn, Bürste und vorbereitete Windel lagen neben mir. Seitwärtslag er auf meinen ausgestreckten Beinen. Ich schaltete den Föhn aufniedrigster Stufe ein. Das hohe Rauschen des Föhns ließ Emilio sichzuerst etwas sträuben. Aber sein Vertrauen war größer undoffensichtlich empfand er die warme Luft als sehr angenehm, denn erentspannte sich zusehends. Mit der weichen Bürste fing ich an, dasFell an den Oberschenkeln zu bearbeiten. Die Reflexpunkte der Kniebürstete ich unter leichtem Druck und stellte erfreut fest, dass dieReflexe ausgelöst wurden. Zwar leicht, aber vorhanden. Dann folgtenBürstenstriche entlang des Rückens bis zur Schwanzwurzel. Erst mitdem Strich, dann entgegen des Striches und wieder mit dem Strich. DieFußsohlen stimulierte ich ebenfalls mit der Bürste. Dann wurde dieandere Seite entsprechend der ersten behandelt. Zum Schluss wurde derSchwanz getrocknet, aber unter Anwendung eines Kammes. Jetzt fragenSie sich sicher: „Warum mit dem Kamm?“ Leider hatte Emilioaufgrund des Unfalles auch kein Gefühl mehr im Schwanz und konnteselbigen auch nicht mehr heben, daher wurde der Schwanz nochzusätzlich behandelt.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Malsehen, wie Emilio mit der Windel zurechtkommt...[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]Eswar ja wieder eine ganz andere Situation, er wurde auf meinen Beinengewickelt, und das nach einer anstrengenden Prozedur. Da er jabereits auf einer Seite lag, führte ich zuerst den Schwanz durch dasvorbereitete Loch in der Windel (Klebeflächen enden auf dem Rücken).Die Seite ohne Klebefläche legte ich auf seinen Rücken, denverbleibenden Teil der Windel zog ich durch die Hinterläufe überden Bauch meines Katers und konnte so die Klebeleiste leicht um dasOberschenkelgelenk legen und am Rücken festkleben. Emilio legte ichdann auf die andere Seite, zog dort ebenfalls die Klebeleiste um dasGelenk (hier hat sich ein Einschneiden der Bündchen bewährt) undbefestigte sie ebenfalls auf den Aufnahmestreifen am Rücken. Voilà,nach einer Stunde waren wir dann so weit, dass Emilio wieder aufseinem Bettchen Platz nehmen konnte. Das Rudel zeigte im Laufe derWoche immer mehr Interesse. Je wacher und aufmerksamer Emilio wurde,umso näher kamen die anderen Pelzgesichter. Fox, unser halbjährigerKater, war der erste des Rudels, der sich zu Emilio legte. Nur zumSchmusen natürlich, das Spezialfutter von Emilio war natürlich nieder Anlass für die erste Kontaktaufnahme. Fox sitzt jetzt neben mirund bestätigt das noch einmal mit einem eindeutigen „Nein“.[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive]ZumEnde der Woche hatte ich ein Erlebnis, das ich nicht mehr so schnellvergessen werde. Dieser alte Emilio-Schlumpf…….Ich fühlte michmorgens irgendwie beobachtet, öffnete meine Augen und wer stiertemich, auf der Seite sitzend, an? Emilio! Ich habe noch einmal dieAugen zugemacht, weil ich dachte: „Mensch, Du träumst!“, öffnetesie wieder und Emilio stierte mich immer noch an, von oben herab sorichtig stolz. Da konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten,Freudentränen diesmal, denn er belastete sein linkes Vorderbeinvollständig. Er saß seitlich auf seinem Po, die Hinterläufeseitlich ausgestreckt. So schnell hatte ich meine Kamera noch nie inder Hand, diesen so einmaligen Augenblick habe ich fotografiert. Daswar die Wende. Emilio wurde immer agiler. Rutschen und Schleppensollten in den nächsten Wochen unseren Alltag begleiten. Der nächsteUntersuchungstermin bei Frau Dr. Kinzel und Dr. Neumann stand an. Aufdiesen Termin freute ich mich. Ich war so gespannt, wie sie wohlreagieren würden.B[/FONT][FONT=Monotype Corsiva, cursive]eiden Ärztinnen angelangt, wurde Emilio erst einmal geknuddelt. Nochim Korb, der eine abnehmbare Haube besitzt, wurde er körperlichuntersucht, die Windel wurde abgenommen. Frau Dr. Neumann stellteerfreut fest, dass Emilio ja schon fast wieder wie eine richtigeKatze aussehen würde und nicht wie das erbarmungswürdige Geschöpfbei der zweiten Untersuchung. ---Er roch auch viel besser---[/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, cursive][/FONT]
[FONT=Monotype Corsiva, serif][/FONT]