Mag ja sein, dass dir das hilft - bei mir offensichtlich nicht

Das probiere ich ja jedes Mal - keine Chance.
Ich habe auch diverse Angstprobleme und bei mir hat es auch niemals geholfen die Angst "einfach" auszuhalten, im Gegenteil, dadurch habe ich immer und immer wieder die Erfahrung gemacht "wenn ich dies und das tue dann geht es mir UNGLAUBLICH schlecht" = das mache ich nie wieder.
Bei einem Phobiker ist die Angst in der Regel so stark, dass es keine "Heilung durch Einsicht" geben kann (ansonsten dürfte es auch keine Spinnenphobiker geben, denn die wissen auch alle, dass ihnen Spinnen eigentlich nichts tun

)
Jemand mit einer echten Panikattacke kann auch keine positive Erfahrung mit einer Situation machen, da die Angst selber so ein enormes Negativerlebnis ist, dass sie jeden anderen positiven Reiz überschattet.
Angstzustände können sich so DERART (!!!) schrecklich Anfühlen, weitaus schlimmer als körperlicher Schmerz, dass es nichts als Folter ist von jemandem mit solchen Ängsten zu verlangen, dass er die Angst halt mal "aushalten" sollte.
Ich habe all das auch immer von anderen gehört und dadurch über die Jahre immer mehr und mehr Selbstbewusstsein verloren, da mir von allen nur gesagt wurde ich müsse es halt "einfach" aushalten oder "einfach" anders denken.
Ich weiß, dass dies auch gängige Ratschläge in der Verhaltenstherapie sind, mir haben sie über die Jahre weitaus mehr geschadet als geholfen.
Immer habe ich mich mehr gehasst und mehr an mir gezweifelt weil ich offenbar nicht "einfach" etwas anders machen kann, das hat mir immer das Gefühl gegeben noch "armseliger" zu sein als alle anderen, die das ja offenbar können :?
Das schwindende Selbstbewusstsein und die immer größere Scham haben meine Ängste dann immer mehr verstärkt.
Mich persönlich hätte die Verhaltenstherapie also fast ins Grab gebracht und ihr den Rücken zu kehren war die beste Idee die ich jemals hatte
Deswegen bin ich der festen Meinung, dass "aushalten" und "sich stellen" bei einem sehr starken Phobiker nicht helfen wird, im Gegenteil jedes Mal wenn die Angst erlebt wird findet eine tiefere Traumatisierung statt und die Angst manifestiert sich nur noch tiefer.
Mir persönlicher hat ein ganz anderer Weg aus der Angst geholfen (bzw ich arbeite immer noch dran, aber bin extrem vorangekommen in den letzten zwei Jahren), nämlich mich selbst und meine Ängste ernst zu nehmen.
Immer dann einen Riegel vorschieben wenn es mir zu viel wird (mich auch wirklich fühlen zu lassen, dass ich es selbst bin die die eigenen Grenzen setzt). Mir klar machen das NIEMAND noch vernünftig reagieren könnte, wenn er sich in meinem Zustand befinden würden und ich mich deswegen nicht verurteilen muss, bzw von mir nicht gleich das unmögliche verlangen (normal/angstfrei durch den Alltag gehen) kann.
Jeder der mir sagte ich müsse auch nur einen Schritt schneller gehen als ich es selber wollte, den habe ich für "falsch" erklärt.
Ich habe endlich MICH ernst genommen und nicht die ganzen Leute die mir sagen wollten wie ich zu sein habe.
...und es stellt sich immer mehr heraus ICH bin der wichtigste Mensch den ich brauche, wenn ich Angst habe.
Aus meiner Sicht ist bei extremen Phobien also eine Besserung nur über eine Verbesserung des Selbstbewusstseins zu erreichen. Sich ernst nehmen, sich gern haben, sich klar machen was man alles
kann, wie viele Dinge es gibt in denen man toll ist. Ein Erfolgstagebuch führen
Letztendlich habe ich nach ewigen, sinnlosen Verhaltenstherapie-Odyseen es auch noch mit einer Hypnosetherapeutin geschafft, die mir immer und immer wieder klar gemacht hat, dass ich nicht nur schwach und unfähig und ängstlich bin und deswegen weniger wert als alle anderen, sondern dass ich viele, unglaubliche Stärken habe und das ich mich mögen und lieben kann und darf so wie ich bin und wie toll es ist die positiven Dinge im Leben zu sehen.
Großartigerweise nehmen seit dieser Änderung in meiner Einstellung die Ängste nach und nach ab (obwohl ich mich ihnen niemals unter Qualen "gestellt" habe, wie es die VT verlangt

) und es ist jetzt schon ein wenig als wenn ich das erste Mal seit Jahren atmen könnte.
Wenn ich jetzt Dinge tue, dann weil ich (weitestgehend) angstfrei bin, NIEMALS würde ich wieder etwas tun wenn ich schon vorher weiß, dass ich dabei eine Panikattacke habe, NIEMALS wieder werde ich diese Qualen ertragen, nur weil jemand meint ich müsse es halt "aushalten" und dann würde es besser werden. Wenn ich etwas nicht will, oder mir etwas zu viel wird, dann sage ich NEIN. :?
Ich weiß selbst was mir gut tut....und Folter ist es nicht!
For the record: Ich bin aus Angst rund 15 zu keinem Arzt gegangen (und hätte den Tod als einfachere Alternative in Betracht gezogen, wenn ich ernsthaft und schwer krank geworden wäre, demnach waren meine Ängste also durchaus schon als "lebensbedrohlich" einzustufen) und habe ebenfalls 15 Jahre lang meinen Partner nicht alleine aus dem Haus gehen lassen, weil ich Angst hatte ihm passiert was und er kommt nicht wieder zurück (es gab Zeiten da konnte er nicht mal alleine den Müll rausbringen), ich habe mein Studium und so ziemlich jede andere Aktivität in meinem Leben aufgegeben, nur damit ich ihn begleiten kann wenn er irgendwo hingeht und ich nicht die "Ungewissheit" ertragen zu müssen, dass ich nicht weiß wo er ist und ob es ihm gut geht. 15 Jahre in denen er niemals alleine mit Freunden weggehen oder einkaufen konnte (unglaublich, dass er immer noch bei mir ist, auch er ist so viel stärker als er denkt

).
Außerdem fürchte ich mich vor sämtlichen unbekannten Alltagssituationen, vor Fahrstühlen, Flugzeugen, weit von Zuhause wegzufahren, allein mit Fremden sein.....usw.
Meine Ängste haben mich also gut und gerne 15 Jahre meines Lebens gekostet, ich bin jetzt Mitte 30, habe keinen Berufsabschuluss oder überhaupt irgend etwas fertig bekommen in meinem bisherigen Leben, so stark waren meine Ängste. (nur falls sich jemand fragt, ob ich weiß wovon ich da rede

).
Übrigens, noch zum Thema "Ängste bestätigen", ich glaube hier ist jeder Mensch anders, bei mir persönlich nimmt die Panik zu, wenn mir jemand sagt "wir können jetzt nicht umdrehen/nach Hause", oder "da musst du jetzt durch" dann fühle ich mich gefangen, ausgeliefert, hilflos und drehe erst recht durch (dafür fühle ich mich dann beschämt, schlecht, unfähig und voller Selbsthass)....alles nicht wirklich förderlich um meine Ängste zu verringern.
Mir hilft es dagegen sehr, wenn jemand "lieb" ist, freundlich mit mir spricht, mich in den Arm nimmt (auch wenn ich es natürlich nicht zugegen mag

), dann habe ich das Gefühl "ich bin nicht allein, ich werde Ernst genommen" und das hilft mir persönlich sehr, denn wenn mich jemand anders ernst nimmt dann kann ich mich auch selbst besser ernst nehmen...was wiederum zu mehr Selbstbewusstsein führt, welches ja wiederum die Ängste lindert
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Puh, so viel zu sagen, ich weiß, dass alle Menschen unterschiedlich sind und dass jeder seinen eigenen Weg aus der Angst finden muss, dennoch denke ich, es kann ja vielleicht helfen, wenn ich hier mal meine (doch vom Standard abweichende) Meinung und Erfahrung mitteile.
Btw: Ich habe mich übrigens in diesem Jahr für eine Ausbildung beworben und falls das nicht klappt absolviere ich nebenbei gerade diverse Vorprüfungen um mich noch mal an der Uni einzuschreiben

Während ich das hier schreibe ist mein Freund bei einem Kumpel zum Geburtstagsfeiern.
Vor zwei Monaten war ich beim Zahnarzt, weil ich dachte "och, warum nicht?".
...und alles indem ich genau das Gegenteil von "Ängste aushalten" gemacht habe...und ich bin soooo stolz auf mich
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Edit:
Was wäre daran schlimm, wenn du dich Übergibst?
Weil eigentlich kann dies ja jedem Menschen passieren.
Es heißt ja nicht "irrationale Ängste" weil man eine plausible Erklärung hätte

Ich habe auch immer nach Erklärungen für mich und meine Ängste gesucht (und auch welche gefunden) die Erkenntnis hat meine Ängste aber auch nicht besser gemacht.
Ich hatte aber immer das Gefühl, eine Erklärung parat haben zu müssen, um mich vor anderen Menschen zu rechtfertigen. Denn die sagen "das verstehe ich nicht, was ist denn so schlimm dadran" und wenn ich mit den Achseln zucke halten sie mich womöglich für dämlich
Ich sage "Ich kann nicht" und sie hören "Ich will nicht" :?