@Kiwi (und natürlich auch Smoothie): Nicht meine Hunde haben das Problem an der Leine - die anderen Hunde haben es MANCHMAL. Die meisten Hunde sind an der Leine deutlich schwieriger als ohne. Ich bin ein bisschen verwundert, dass hier auf der einen Seite so viel Wert auf die Signale, die Hunde aussenden, Wert gelegt wird, auf der anderen aber die wichtigste Form der Hund-zu-Hund-Kommunikation, das Schnuppern am ... ähem .... Poppes so oft unterbunden wird.
Genau diese Situation hatte ich gestern: Ich treffe mit einem der Wuschel freilaufend auf eine Frau mit einem schon gesetzten Labbi-Herrn. Der hat einen Star und bewegt sich eher steif. Mein Hund will vorbeispringen, der Labbi knurrt einmal, um zu sagen "Bleib stehen, ich will wissen, wie du drauf bist!". Die Frau ruft ihren Hund zur Ordnung, ich verstehe dagegen gar nicht, wo das Problem sein soll. Der Labbi schnuppert, stellt fest, dass mein Hund ihm offensichtlich weder das Revier, noch etwaige Weibchen noch mögliche Leckerlie streitig machen will, alle gehen ihrer Wege.
Ich kann es zur Sicherheit auch noch mal wiederholen: Ich habe jetzt seit über zwanzig Jahren Beardeds und in der ganzen Zeit gab es nicht einen einzigen wirklich kritischen Vorfall. Niemand wurde gebissen, gegen seinen Willen angesprungen, musste seinen Waldlauf unterbrechen oder ist vom Fahrrad gestürzt. Wenn sich Leute zum Streicheln nach meinen Hunden bücken, muss ich ihnen manchmal sagen, dass sie aufpassen sollen, die Hunde nicht zum Hochspringen einzuladen, weil die ihre Zuneigung nicht immer dosieren und das Runterbeugen als Aufforderung verstehen, das Gesicht abzulecken (Beardies sind große Küsser). Sobald sich die Leute wieder aufrichten, ist auch diese Gefahr schon wieder gebannt. Ich musste noch nie einen Auseinandersetzung mit einem anderen Hundehalter darüber führen, dass der mich wegen seinem unverträglichen Hund an der Leine gewarnt hat und meine Hunde auf Biegen und Brechen trotzdem hinwackeln mussten, um sich eine Zurechtweisung abzuholen.
Sollte das trotzdem mal passieren und sollten sie in so einem Fall eine Blessur mitnehmen, werde ich mich beim Hundehalter entschuldigen, denn erstens hatte er es mir ja gesagt und zweitens hatte sein Hund deutlich gemacht, dass er keine Annährung möchte. Es ist nur noch nie vorgekommen. Es gibt hier einen kleinen giftigen SharPei, der den kleineren Wuschel nicht mag. Wir haben keine Ahnung, warum, ist halt so. Jedenfalls stürzt der sich bei jeder Gelegenheit auf ihn, um ihn zu zwicken. Die Besitzerin muss ihn also an die Leine nehmen, wenn sie uns sieht, wir können aber einfach vorbeigehen - meine Hunde sehen einfach keine Notwendigkeit darin, sich mit dem SharPei aufzuhalten, wenn sie sich doch an anderer Stelle viel spannendere Sachen angucken können.
Ansonsten haben wir manchmal das Problem, dass verschiedene Hunderassen unterschiedliche Wege haben Sympathien zu zeigen (meine Hunde sind immer sehr verdutzt, wenn Beagle ihnen die Ohren auslecken wollen ...).
Es mussten schon durchaus Radfahrer mal einen Schlenker mit dem Rad fahren, weil ein Hund irgendwo stand - aber das hätte ja durchaus mit der Leine so sein können und sie hätten einen größeren Schlenker fahren müssen, weil ich und die Leine dann ja auch irgendwo gestanden hätten. Und es kommt durchaus mal vor, dass wir irgendwo lang laufen und ein anderer Hund an der Leine plötzlich den großen Max macht - meistens WEIL er an der Leine ist und den Konfliktfall vorweg nehmen möchte. Dann gehen wir weiter, no harm done. Treffen meine Hunde freilaufend auf andere freilaufende Hunde wird kurz "geguckt", ggf. wird eine Aufforderung zum Spielen ausgetauscht, die wird angenommen oder nicht, die Besitzer und ich wechseln ein paar Worte und dann geht jeder seines Weges.
Als sie noch kleiner waren, haben sie andere Hunde manchmal mit ihrer Sprunghaftigkeit genervt, weil sie sie zu beharrlich zum Spielen aufgefordert haben. Dann haben die anderen Hunde kurz die Zähne gezeigt, meine Wuschels wussten woran sie waren und schon war wieder gut. Treffen wir auf einen Jogger, dann gehen die Hunde dran vorbei, insbesondere dann, wenn der Jogger einfach weiterläuft.
Es gab vor einiger Zeit den ersten "echten" Beißvorfall meines Hundehalterlebens, wobei MEIN Hund gebissen wurde, niemand sonst. Von einem Schäferhund und das mit Fug und Recht. Die Hunde kennen sich seit Jahren und wir passen wechselseitig auf die Hunde auf. Im Umgang miteinander hat der Schäferhund seinen Größenvorteil ausgespielt, indem er sich quergestellt hat und meine Wuschels abgedrängt hat, wenn wir alle Hunde gerufen haben. Der Schäferhund hat also eine vollkommen gewaltfreie Form der Zurechtweisung gewählt, die der kleinere Wuschel aber in Frage stellen wollte. Er wollte den Schäferhund angehen, der Schäferhund hat einmal deutlich gemacht, dass das keine gute Idee ist, mein Wuschel hatte eine ordentliche Schramme, die Gott sei Dank nicht genäht werden musste und nach ein paar Wochen abgeheilt ist. Wuschel und Schäferhund können nach wie vor in engen Räumen ohne irgendwelche Probleme zusammen sein und jetzt ist halt klar, wer der Stärkere ist.
Finde ich es gut, wenn mein Hund verletzt ist? Auf gar keinen Fall. Fände ich es besser, wenn sich die ungeklärte Rangordnung als der Konflikt über Wochen oder Monate hinzieht? Sicher nicht. Probleme gab es natürlich schon, z.B. letzte Woche, als ich mit einem Hund AN DER LEINE auf dem Weg zum Freilauf war und plötzlich zwei Foxterrier aus einer Garageneinfahrt gestürmt kamen und sich in meinen Hund verbissen haben. Die Foxterrier sind anscheinend als aggressiv bekannt, so dass die Besitzer immer drauf achten müssen, das Tor zuzulassen.
Nach dem Einkaufen haben sie es einmal vergessen, die Hunde sind sofort los und haben sich den erstbesten Hund geschnappt und das war dummerweise meiner, der an der Leine nicht schnell genug wegkonnte. Eine anwesende Frau mit ihrem Malteser meinte, dass ihr das mit den Hunden auch schon passiert wäre, die Hunde scheinen also die Straße vor ihrem Haus als ihr Territorium zu betrachten. Als einer der Wuschel knapp vier Monate alt war, gab es mal einen Vorfall mit einer Familie (ihr könnt durchatmen, niemand hat auch nur einen Pfotenabdruck auf der Kleidung abbekommen), als die Familie, ich und ein weiterer Besitzer mit seinem Junghund auf einem Waldweg zusammengetroffen sind. Die Familie ist mit einigem Abstand stehengeblieben um sich die knuffigen Junghunde anzugucken. Ich hatte den Hund an der Leine und hab alle Anwesenden gefragt, ob ich sie wohl zum Spielen losmachen kann, obwohl sie noch nicht besonders gut hört. Kein Einwand, ich mache sie los, die Junghunde spielen, die Familie guckt, mein Wuschel läuft rüber zum Hallo sagen, die Kinder fangen an zu kreischen, der Vater packt meinen ziemlichen entsetzten Hund am Nacken, um seine Kinder vor dieser wirklich ernstzunehmenden Bedrohung zu schützen, mein Hund fiept und ich beeile mich natürlich die rasende Bestie einzufangen.
Ähem ... aber, ja... doch, so mit einigem Abstand betrachtet muss ich als Hundehalter da wohl wirklich mehr Verantwortungsgefühl zeigen. Hoffentlich wurde das unbefangene Verhältnis, das diese Kinder zu Hunden hatten, jetzt nicht durch ein Trauma abrupt zerstört.
Gleiches gilt für die paar tausend Jogger, die ich in den letzten Jahren so getroffen habe. Natürlich klingt das geschriebene Wort immer schärfer als das gesprochene, aber bislang gab es keine Auseinandersetzung mit einem Jogger, weil ich ihn scherzhaft aufgefordert habe, sich doch einfach weiter auf sich zu konzentrieren. Wenn der Platz begrenzt ist, so dass der Jogger wirklich nicht an den Hunden vorbeikäme (d.h. wir befänden uns aus irgendwelchen nicht nachvollziehbaren Gründen auf einem Weg, der rechts und links von mannshohen Betonwänden umgeben ist), dann würde ich sie natürlich rufen und anleinen. Meistens zeige ich aber einfach auf den Bereich neben dem Weg und meine Hunde haben gelernt zu der Stelle zu laufen, auf die ich zeige.
In der Regel mache ich das mit einem Spielzeug in der Hand, so dass die Hunde erwarten, dass das Spielzeug gleich genutzt wird. Und da der Gummi-Stock deutlich schneller fliegt als der Jogger läuft, ist klar, was denen lieber ist. Der Weg ist dann als freier als in der Volksbank-Werbung und solange die Jogger ungehindert passieren können, sehe ich jetzt keine akute Notwendigkeit darin, mir ständig den Stress mit An- und Ableinen zu machen. Und manchmal gönne ich mir tatsächlich den Luxus eine abweichende Einschätzung zur Lage zu haben als der Jogger.
Natürlich gibt es Hundephobiker und ich sehe es schon als meine Verantwortung an, sicherzustellen, dass die Betroffenen öffentliches Gelände nutzen können, ohne von angstauslösenden Situationen quasi eingekesselt zu werden. Nur ist das Abrufen und Anleinen da nicht immer der richtige Weg, weder für uns, noch für den Phobiker. Einmal weil es mich nervt (ich will doch selbst auch nur in Ruhe spazieren gehen) und zum anderen, weil dem Hund klarzumachen, dass er Abstand halten soll, effektiver ist. Man kann sich das Jogger-Problem nämlich auch selbst schaffen, wenn man bei Läufer gespannt den Atem anhält in ständiger Befürchtung dazu, was der Hund jetzt wohl machen wird. Btw., ich bin selbst als Läuferin nie von einem Hund verfolgt worden, wahrscheinlich weil ich einfach dran vorbeilaufe, ohne die vermeintliche Bestie kritisch zu beäugen - das ist simple Verhaltensbiologie:
Wenn ich glotze, dann geht der Hund davon aus, dass ich einen Grund habe ihn so anzustarren. Er wird versuchen herauszufinden, was ich im Schilde führe und mir dafür folgen. Auf Inlinern oder mit dem Fahrrad ist mir das schon passiert. Ich hab angehalten, den jeweiligen Hund kurz gucken lassen, der hat festgestellt, dass ich so spannend gar nicht bin und ist zum Besitzer zurück. Ich wache natürlich nachts gelegentlich noch auf, schweißgebadet, im Gedanken daran, was alles hätte passieren können. Meine Hunde gehen ganz normal an der durchhängenden Leine.
Die Schreckhaftigkeit gehört aber bei der Rasse eben dazu (da wurde sogar schon eine ganze Dissertation drüber geschrieben) und ist an der Leine schlimmer als ohne - weil sie weniger Gelegenheit haben, sich die Sache aus der Ferne anzugucken. Man wird keinen Bearded jemals wirklich schussfest kriegen, deswegen kommt es natürlich vor, dass wir z.B. an Jugendlichen vorbeimüssen, die Feuerwerkskörper aufbrauchen. An der Leine wird das zur Nervenprobe für alle Beteiligten: Ich möchte auf dem Weg bleiben, der Hund will einen großen Bogen machen - die Interessen sind nicht zu vereinbaren. Ohne Leine bleibe ich auf dem Weg, der Hund macht seinen Bogen und wir setzen danach den Spaziergang unproblematisch fort.
Und @Smoothie: Es täte dir vielleicht ganz gut, dich mit ein bisschen Verhaltensbiologie auseinander zu setzen. Das Hüten ist ein Instinkt, den der Mensch über Jahrhunderte in die entsprechenden Rassen hineingezüchtet hat. Solche erbkoordinierten Handlungen werden durch kleine Schlüsselreize ausgelöst, ähnlich wie das Bedürfnis bei Vögeln den jeweils größten Schnabel zu stopfen, auch wenn dieser aus Pappe ist und die anderen Jungvögel dann verhungern.
Es gibt Fische, die Alufolie begatten würden, weil die so schön glitzert. Tiere sind ihren Instinkten bei Schlüsselreizen deutlich stärker ausgeliefert als wir Menschen.
In den letzten Wochen gab es ein paar Mal die Situation, dass dieser Schlüsselreiz unerwartet durch ein glitzerndes Fahrrad ausgelöst wurde. Kann passieren. Ich werde den Hunden deswegen jetzt kein Elektrohalsband mit Fernbedienung umbinden, damit ich sie das nächste Mal per Knopfdruck zu Boden zwingen kann. Ich kann es auch noch mal wiederholen: NIEMAND WURDE GEFÄHRDET! Fahrrad fuhr, Hund lief, Besitzerin rief, Hund ignorierte, Besitzerin wandte sich ab, Hund kehrte zu Besitzerin zurück. Besitzerin zieht die Schlussfolgerung, dass Hund wohl mehr seine Hüte-Fähigkeiten nutzen möchte und wird sich was einfallen lassen. Das kann jederzeit wieder vorkommen, weil der Hund nunmal ein Lebewesen ist.
Aber mich beschäftigt ehrlich gesagt ein anderes Erziehungsproblem viel mehr: Wie kann ich meinem Hund den Unterschied zwischen einem sauberen See, in den er gerne jederzeit reinspringen kann und einem Abwassergraben voll mit Entengrütze, den er lieber meiden soll, beibringen? Kann es sein, dass Du deinem Hund keinen Deut vertraust und deswegen stur Ratschläge der Hundetrainer abarbeitest? Bei dir scheint ein Spaziergang ja ausschließlich aus Krisensituationen zu bestehen, die vorausgeahnt, bewältigt und verarbeitet werden müssen. DER HÜTEHUND HÜTET, OMG, REICHT MIR DAS XANAX!!! Wenn dein Labbi dir ein Stöckchen holt, muss das ja fast zu einer Ohnmacht führer: EIN RETRIEVER, DER APPORTIERT!!! GASP!!! Ich hab ja schon gesagt, dass ich ursprünglich mit der Schleppleine gearbeitet habe, bis die Kommandos so gut sitzen, dass ich das Freilaufen vertreten kann.
Das Abrufen könnte besser klappen, aber die Erwartung, dass das Abrufen zu 100% klappt, bevor man einen Schritt weitergeht und die Schleppleine wegnimmt, ist einfach zu hoch. Es kommt immer noch vor, dass ich mich noch mal mit Nachdruck wiederholen muss, damit sie kommen. Aber wir machen nunmal kein Obedience, wo es auf die sehr reaktionsschnelle Antwort ankommt. Wenn ich rufe, sollen sie kommen, idealerweise schwanzwedelnd, weil sie sich freuen zu mir zurück zu kommen, und nicht, weil ich sie stumpf konditioniert habe. habt ihr noch nie einen Hund erlebt, der einen geworfenen Ball mehrere hundert Male in Folge apportiert, aber ganz offensichtlich keine Freude mehr dran hat? Das kann man durch Konditionieren erreichen: Man kann eine Art Reflex in den Hund "reinbrennen", der den Hund zwingt, die Handlung auszuführen, ob er will oder nicht - nur muss man das als Mensch halt wollen.
Ich hab auch den Eindruck, dass die Schlepp hier manchmal nicht als Mittel zum Zweck (Erziehung zum Freilaufen) sondern als Dauereinrichtung genutzt wird. Und das ist - auch weil die Schlepp nicht ungefährlich ist - nicht im Sinne des Erfinders. Mir ist zwar nie etwas passiert, kein ernsthaftes Verheddern oder gar strangulieren oder Verbrennungen in den Händen, aber ich hab die Schlepp nicht gemocht, weil ICH damit so gestresst war. Ich hab damit deutlich mehr Gefahren gesehen als ohne und deswegen durchgeatmet, als es für mich akzeptabel war, sie wegzulassen.
Die Hunde irgendwann einfach frei laufen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass sie schon selbst schauen müssen, dass sie nicht unter die Räder eines Radfahrers oder Inliners kommen, war definitiv ein Risiko. Ohne Schlepp hatte ich ja z.B. auch nicht schnell genug einen Zugriff auf sie, sollten sie mal einen Giftköder oder irgendwas anderes fressen wollen.
Aber - toi, toi, toi - sie fressen auf Spaziergängen nichts, was rumliegt, sie halten sich bevorzugt abseits des Weges auf, sie ignorieren Jogger und locker 99% der Radfahrer. Sollte meine verantwortungslose Überforderung sich irgendwann mal in kritischen Ereignissen niederschlagen, werde ich hier nur zu gerne davon berichten und um Rat fragen.
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