Im Grunde ist doch das, was im Reitsport an der Weltspitze gezeigt wird, ebenso Extremsport wie Laufen, Radfahren, Schwimmen, Fußball etc. auf "Weltklasseniveau" - und ich schreibe das jetzt bewußt in Anführungszeichen. Daß einiges, was dort gezeigt und praktiziert wird, nicht gut, nicht sinnvoll, ungesund oder gar gefährlich ist, dürfte jedem klar sein, vollkommen egal, ob es eben um das bis zum Bandscheibenvorfall aufgerollte Pferd geht oder um gedopte Schwimmer oder Leichtathleten, die "gesundgespritzt" werden, um bei dem einen entscheidenden Wettkampf Leistung zu zeigen. Schaut euch die Radfahrer der Tour de France an - seit Jahren fahren dort Asthmatiker an der Spitze - warum wohl? Weil die Medis, die bei ihnen als "nötig" eingestuft werden, bei jedem anderen als Doping gewertet würden. Kein "normaler" Asthmatiker, der bei Verstand ist, würde sich doch so einer Tortur aussetzen. Es geht immer um den Moment - auch auf Kosten der Gesundheit, egal ob beim Tier oder beim Menschen. Leistungssport ist nichts Nettes, Schönes, Angenehmes, und man sollte ihn sich, meine ich, ganz generell nicht unbedingt zu Vorbild nehmen, denn dazu taugt er nicht. Ein Freizeitreiter, der die vielgescholtene van Grunsven nachahmt, ist genauso auf dem Holzweg wie ein Freizeitradfahrer, der macht, was Jan Ullrich gemacht hat (meine Meinung). Der im Fernsehen gezeigte Hochleistungssport ist Entertainment, und als solcher sollte er auch gesehen werden, er kann kein Maßstab für den Alltag sein.
Ein Freizeitreiter, der unter
vernünftiger Anleitung eines Reitlehrers reitet (und auch Fortgeschrittenen schadet ja die eine oder andere Stunde unter Anleitung nicht), wird gar nicht in Verlegenheit kommen, sich so kritikwürdig zu präsentieren. Ich glaube nicht, daß die Vorbildfunktion der Olympischen Reiterei da überschätzt werden sollte - viel eher sollte man Wert darauf legen, daß an der Basis korrekt gearbeitet wird (da hat Ronja zweifellos recht) und das, was im Fernsehen gezeigt wird, als das ansehen, was es ist:
Show. Dieser Show kann und darf man nicht die Verantwortung dafür übertragen, wenn im Kleinen, im Breitensport, Mist gebaut wird.
Wenn ein Formel1-Fahrer aus Wut einem anderen reinfährt, darf ich das ja auch nicht zum Vorbild nehmen und jemanden, der mich nervt, auf der Autobahn rammen
Ich habe selber jahrelang diesen Turnierzirkus mitgemacht - nie mit eigenen Pferden, ich hatte Pferde anderer Leute im Training, die berufstätig waren und unter der Woche keine Zeit hatten, am WE aber auf Turnieren reiten wollten. Daß das allgemein jetzt auch nicht das Gelbe vom Ei ist, darüber braucht man nicht zu diskutieren, meine ich, ich würde auf diese Art kein Pferd haben wollen, aber gut.
Tatsache ist, daß ich genug von regionalen Turnieren mitbekommen habe, um sagen zu können, daß die Kriterien zwar fallbezogen durchaus ungerecht sein können (einer unserer Füchse, gestiefelt bis zum Bauch, wurde in der Dressur öfter mal schlechter bewertet, "bunte" Pferde sind da eben nicht gern gesehen), in der Gesamtheit aber dann doch wieder stimmen, über's Jahr gesehen. Man hat nicht immer dieselben Richter unter denselben Vorzeichen, und wenn auf dem einen Turnier Reiter A bevorzugt wird, mag den vielleicht auf dem nächsten Turnier Richter B nicht leiden, oder das Pferd ist schlecht drauf - was auch immer; es gleicht sich wieder aus über die Saison. Reiter, Pferd
und Richter haben eine Tagesform, und daher "menschelt" es einfach, aber das ist eben so, und wessen privates Lebensglück von vielen bunten Schleifchen abhängt, hat, meine ich, auf einem Pferd ohnehin nichts verloren sondern sollte sich eine Nähmaschine kaufen. Das ist ein Hobby, und als solches sollte man es auch verstehen und beurteilen. Ich hatte mit dem Turniersport als Breitensport nie Probleme, man braucht dazu aber vielleicht auch eine gewissermaßen entspannte Einstellung, so daß man nach einem verkorksten Springdurchgang immer noch gut gelaunt eine Runde im Gelände drehen kann
